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Polizei und Korruption in Madagaskar

In den grösseren Städten Madagaskars patroullieren vermehrt Polizisten und Polizeieinheiten, um gegen die steigende Kriminalitätsrate anzukämpfen. Auch auf den madagassischen Überlandstrassen gibt es immer wieder Polizei-Kontrollen, vor allem bei Ortsdurchfahrten. Ob nationale oder regionale Polizeieinheiten eingesetzt werden ist nicht immer einheitlich geregelt. Die Uniformen können sich daher von Ort zu Ort unterscheiden.

Wichtig für Reisende: Wer ohne gültigen Reisepass angetroffen wird, wird sehr schnell von Polizisten zur Kasse gebeten. Entweder mit einer „schnellen“ Einigung, die auf Korruption hinausläuft, da der Polizist sich über einen Betrag freut, der dann nirgends vermerkt wird. Oder Reisende werden auf die Polizeiwache gebeten und müssen dort meist eine Strafe zahlen. Aufgrund des maroden Staatshaushalts sind auch Madagaskars Polizisten unterbezahlt. Dies führt leider zu Korruption und zahlreichen Versuchen, das spärliche Gehalt aufzubessern. Touristen sind dabei leichte Opfer. Seien Sie achtsam und vermeiden Sie den Kontakt zu Polizisten, wenn nicht unbedingt nötig. Oftmals kann es ratsam sein, Angelegenheiten über den Reiseleiter / Fahrer regeln zu lassen.

Madagaskars Wirtschaft – ein Überblick

Wirtschaftliche Lage

Obwohl Madagaskar reich an natürlichen Ressourcen ist und über großes wirtschaftliches Potential verfügt, ist die madagassische Bevölkerung ärmer denn je. In den letzten 50 Jahren wurde Madagaskar von einem einigermaßen wohlhabenden Land zu einer der ärmsten Nationen der Welt – mehr als 90% der Madagassen lebten 2014 unter der internationalen Armutsgrenze von 2 US Dollar pro Tag.

Seit der madagassischen Unabhängigkeit im Jahr 1960 konnte das Land sich nie einen Ruf aufbauen, politisch stabil und investorenfreundlich zu sein. Protektion, Bestechung und Mangel an Transparenz sind bis heute Kennzeichen des Wirtschaftsgebarens in Madagaskar.

Die wenigen wirtschaftlichen Aufschwung-Phasen wurden immer wieder durch politische Unruhen mit Ausschreitungen, Plünderungen und Militäreinsätzen zunichte gemacht – so auch im Jahr 2009. Für exportierende Unternehmen hatte dies einen vehementen Rückgang der Aufträge zur Folge,  gleichzeitig schwand das Interesse potenzieller ausländischen Investoren und Touristen blieben aus. Die ökonomischen Auswirkungen waren gravierend und die Arbeitslosigkeit in Madagaskar stieg extrem an. Da das 2009 an die Macht geputschte Regime international nicht anerkannt wurde, wurden zu diesem Zeitpunkt auch die Geldflüsse internationaler Unterstützer ausgesetzt. Dies belastete den bis zu 30% von diesen Geberleistungen abhängigen Staatshaushalt Madagaskars enorm.

Bis heute kämpft Madagaskar mit den Folgen des Putsches von 2009. Auch wenn seit 2014 wieder ein demokratisch gewählter Präsident regiert und die internationalen Hilfsleistungen wieder aufgenommen wurden ist Madagaskar wirtschaftlich lange nicht dort, wo es schon einmal war. Ausländische Investoren fehlen weiterhin, denn bis heute sind die Voraussetzungen und die Anreize für sie schwach und unstabil. Auch die Touristenzahlen sind noch nicht wieder dort angelangt, wo sie 2008 waren.

Wirtschaftszweige in Madagaskar

Madagaskar Vanille Schoten grün am Baum PRIORI ReisenMadagaskar ist ein Agrarland. Vanille, Gewürznelken, Sisal, Kakao und Fisch  bzw. Garnelen sind die wichtigsten landwirtschaftlichen Exportgüter, ebenso wie einige Früchte, darunter Litschis.  Madagaskar ist der weltweit größte Produzent für Vanille und bekannt für hochwertige Garnelen und seinen Pfeffer. Die in den 1990er Jahren große Kaffeeproduktion ist mit den drastisch sinkenden Weltmarktpreisen sehr zurückgegangen und spielt heute kaum mehr eine Rolle.

Bis heute findet die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Export-Produkte in Madagaskar mit einfachen handwerklichen Mitteln oder in Handarbeit statt und ist oft wenig effiizient, so z.B. die Trocknung von Nelken und Pfeffer. Eine Agroindustrie für die Veredelung von Exportprodukten existiert kaum.

Markt_Hochland_Madagaskar_Stand_Knollen_Wurzelgemüse_PRIORI-ReisenDer Anteil an reiner Subsistenz-Landwirtschaft ist in Madagaskar sehr hoch. Die allermeisten landwirtschaftlichen Betriebe sind – oft kleinflächige – Familienunternehmen. Diese müssen oft arbeitslose und unterbeschäftigte Familienmitglieder mittragen. Der Landwirtschaft-Sektor ist ein Sammelbecken für einen wesentlichen Teil der madagassischen Bevölkerung, der sich anderswo nicht produktiv betätigen kann. Hauptsächlich für den Eigenbedarf angebaut werden Grundnahrungsmittel Reis, Maniok und Mais. Madagaskar hat den größten Reisverbrauch pro Kopf auf der Welt. Da die Bevölkerung schnell wächst und die bis heute traditionellen Anbaumethoden mit dem erhöhten Bedarf nicht mitkommen, muss Reis mittlerweile auch zusätzlich importiert werden. Auch viele weitere Lebensmittel muss Madagaskar heute aufgrund der schnell wachsenden Bevölkerung importieren.

Madagaskar hat vor allem im Süden des Landes große Vorkommen an Mineralien und Bodenschätzen. Große Bergbauvorhaben zum Abbau von Titan, Nickel und Kobalt finden sich auf der Insel. Sie sind fast ausschließlich in ausländischer Hand, ebenso wie der Abbau und Handel mit Edelsteinen. Nach ersten Funden wird die Erdölsuche im Kanal von Mosambik weiter vorangetrieben.  Bislang muss Madagaskar Erdöl importieren.

Wirtschaftliche Bedeutung hat auch die Textilfertigung und Kleidung aus Madagaskar.

Große Hoffnungen für die wirtschaftliche Entwicklung Madagaskars werden auf den Tourismus gesetzt. Nachdem sich die Tourismuszahlen zwischen 2002 und 2008 verdoppelt hatten, brachen sie mit der politischen Krise 2009 wieder drastisch ein. Bis 2013  kamen die Touristenzahlen nicht wieder auf den Stand von 2008.

Wichtige Handelspartner von Madagaskar

Aufgrund der Geschichte war Frankreich lange Zeit der wichtigste Handelspartner Madagaskars. Noch heute gehen etwa ein Drittel der madagassischen Exporte nach Frankreich. Ein weiteres Fünftel der Exportgüter geht in andere europäische Länder. Mit dem Afrikanischen Handelsabkommen Africa Growth and Opportunity Act (AGOA), welches förderfähigen Ländern in Subsahara-Afrika erlaubte, Waren zollfrei in die USA zu exportieren, wuchs der Handel zwischen Madagaskar und den USA in den 2000er Jahren erheblich und der Export-Anteil lag zwischenzeitlich bei etwa 35%. Mit dem Putsch im Jahr 2009 flog Madagaskar aus dem Abkommen und der Handel nach Amerika brach ein. Heute liegt der Anteil unter 10%. China wird als Wirtschaftspartner immer bedeutender für Madagaskar. Der Handel wächst beständig an und der Export-Anteil lag im Jahr 2014 bei etwa 10%.

Zum wirtschaftlichen Aufschwung Madagaskars fehlt noch sehr vieles: von Dünger und Saatgut, Ersatzteilen und Rohstoffen, über Infrastruktur und Kommunikation, bis hin zu geregelten transparenten gesetzlichen Rahmen und effizienter Verwaltung, vor allem aber auch weiterhin in- und ausländisches Kapital und Investitionen.

Gleichzeitig stehen genügend Arbeitskräfte im Land zur Verfügung. Und zwar nicht nur ungelernte Zuwanderer aus ländlichen Gebieten, sondern auch gelernte und qualifizierte, motivierte Fachkräfte. Die Bevölkerung ist jung und viele Madagassen wünschen sich nichts dringlicheres, als irgendwo eine Chance zu erhalten, um ihr Können zu zeigen und sich zu beweisen.

Madagaskar – Insel mit herausfordernder Geschichte

Madagaskars Geschichte ist lang und von vielen Ereignissen und Herausforderungen geprägt. Die Insel im Indischen Ozean ist voller ökologischer und kultureller Vielfalt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat. Gleichzeitig ist Madagaskar eines der ärmsten Länder der Welt. Der Politik mangelt es an Strukturierung und wirtschaftlich ist das Land schwach aufgestellt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der Versuch eines Überblicks:

Vor etwa 160 Millionen Jahren löste sich Madagaskar von Gondwanaland.
Rund 1500 Jahre ist es her, dass die Insel erstmals besiedelt wurde. Einwanderer aus Indonesien, Afrika und dem Nahen Osten folgten. So entstand ein Lebensraum mit vielseitigen kulturellen Einflüssen.
In allen Teilen Madagaskars fanden sich trotz der verschiedenen Einflüsse ähnliche Strukturen: Ein lokaler Häuptling beherrschte das Umfeld seines Dorfes, Ahnenverehrung hatte einen hohen Stellenwert und es gab eine gesellschaftliche Schichtung aus Noblen, Freien und Sklaven. Man ernährte sich fast ausschließlich von Reis – das Lebensmittel hatte bereits damals eine schon mythisch anmutende Bedeutung für die Menschen des Landes.

Familiengrab Madagaskar Hochland PRIORI ReisenObwohl Madagaskar sprachlich immer homogen war – beachtlich bei der vielschichtigen Besiedlung und der Größe des Landes – war es dennoch jahrhundertelang nicht geeint. Die Dörfer unter ihren Vorsehern führten ständige Kleinkriege untereinander. Es entstanden und verschwanden zahlreiche kleine Königreiche.
Um 1800 setzte sich in der zentralen Region um die heutige madagassische Hauptstadt Antananarivo der Merina-König Andiranampoinimerina durch. Sein Sohn Radama I baute seine Macht bis an die Ostküste, in den Westen und weit in den Süden aus. Auch die weiteren Thronerben – bis auf Radama II übrigens alles Frauen – dehnten das Merina-Königreich in verschiedenen Feldzügen auf rund 80% der Fläche Madagaskars aus.

1895 marschierten die Franzosen ein, Madagaskar wurde französische Kolonie.
Der erste Generalgouverneur der Franzosen, Laroche, hob die bis dahin praktizierte Sklaverei auf. Mit einem Mal war – je nach Schätzung – ein Drittel bis Dreiviertel der Bevölkerung frei. Laroches Nachfolger Galliéni baute Strassen, Eisenbahnlinien, Krankenhäuser und Schulen.
Madagaskar wurde zu einer wohlhabenden und sich selbst ernährenden Kolonie, die neben den Kolonialprodukten Pfeffer, Kaffee, Vanille und Nelken auch Reis sowie Bodenschätze wie Graphit exportierte. Zu den Schattenseiten der Entwicklung zählen die völlige Ausrichtung des Schulsystems auf Frankreich, die äußerst begrenzten politischen Rechte und unzureichende Zugang zu administrativen Posten für die Madagassen und einige brutal niedergeschlagenen Aufstände durch die Franzosen, wie 1947. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg setzten sich Nationalisten für mehr Eigenbestimmung Madagaskars ein.

Am 26. Juni 1960 wurde Madagaskar nach 64 Jahren als französische Kolonie ein unabhängiger Staat unter dem ersten Präsidenten Philibert Tsiranana.
Dieser führte eine franzosenfreundliche Politik. Madagaskar übernahm die intakte Infrastruktur, ausgebildete Leute und eine funktionierende Wirtschaft aus der Kolonialzeit. Die Franzosen blieben als Berater und Verwalter im Land.
Mit der Zeit geriet das Bild ins Wanken. Die franzosen-ausgerichtete Führung Tsirananas wurde mehr und mehr zum Kritikpunkt, ebenso wie die Besetzung der meisten Regierungsposten mit ausschließlich engen Parteianhängern.

 Stadt Antananarivo Madagaskar Kirche Kolonialhäuser PRIORI ReisenNach Studentenprotesten im Jahr 1972 und jahrelangen Fraktionskämpfen innerhalb der Armee wurde 1975 Didier Ratsiraka zum Präsident.
Ratsiraka schlug eine Kehrtwende ein: Er ließ die Madagassen seine ‚Charta der sozialistischen Revolution‘ absegnen. Er verstaatlichte er einen großen Teil der Betriebe und richtete seine Politik in Richtung UdSSR und später Nordkorea. Er verließ die französische CFA-Währungsunion und verwies die französischen Berater außer Landes. Kostspielige Großprojekte sollten Madagaskar unter Ratsiraka zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit führen, allerdings funktionierten die meisten der Staatsbetriebe nicht oder waren kurz vor der Pleite. Gleichzeitig bereicherte Ratsiraka sich und seine Anhänger auf schamlose Weise. Madagaskar verarmte unter seiner Führung jährlich mehr, die Außenverschuldung erhöhte sich von 1978 bis 1980 um das Vierfache.

1982 war Madagaskar bankrott.
Das Land musste Reis importieren und sogar die Bauern hatten nicht genug zu Essen. Das Schulsystem wurde korrumpiert, was zu einem enormen Anstieg der Analphabeten-Rate führte. Das eigentlich kostenlose Gesundheitswesen war quasi nicht mehr vorhanden. Madagaskar wurde zu einem der zehn ärmsten Länder der Welt.
Mehrere Aufstände in Antananarivo und im Süden wurden blutig niedergeschlagen. Die Presse des Landes wurde generell zensiert. International erhoben die Bischofskonferenz und Amnesty International schwere Vorwürfe gegen das Regime.

Anfang der 1990er Jahre fühlte sich ein Großteil der Madagassen aussichtslos. Die Revolution war erfolglos geblieben und als guter Taktiker schaffte es Ratsiraka immer wieder, die oppositionellen Kräfte für sich einzubinden, indem er sie mit Posten und Ämtern lockte. Als Ratsiraka schließlich anfing, einen gemässigteren Ton anzuschlagen, die Wirtschaft einen kleinen Anflug von Aufschwung verbuchte, und ein kleiner Funke Hoffnung aufblitzte, dass der Präsident zukünftig mehr auf das Wohl des Landes schauen würde, gerade dann schlug das Pendel um. Ratsiraka wurde 1991 in einem siebenmonatigen Streik aus dem Amt geworfen. Er wehrte sich, indem er auf die unbewaffneten Streikenden schießen ließ.

Während dieser unruhigen Zeit war der Medizinprofessor Albert Zafy an die Spitze des Politikbetriebs gelangt. Er wurde im Februar 1993 in einer Stichwahl gegen Ratsiraka vom Volk demokratisch gewählt. Doch auch Zafy schaffte es nicht, Madagaskar zu Frieden und Aufschwung zu führen. Die bis dato vornehmlich in den Chef-Etagen umgehende Korruption griff von nun an auf alle Lebensbereiche über. Auch Zafy und sein politisches Umfeld verstrickten sich in unseriöse Geschäfte und Affären. Die Sicherheit in den Städten – aber auch auf dem Land – nahm drastisch ab. Die ökonomische Entwicklung siechte weiter dahin, auch wenn Hilfeleistungen aus dem Ausland kamen.  Die Madagassen – zum Großteil Bauern – taten, was sie in diesen Fällen immer tun: sie zogen sich zurück in die Substistenzwirtschaft.

1996 wurde Zafy abgesetzt. Ihm wurde Verfassungsmissbrauch vorgeworfen. Bei der folgenden Präsidentschaftswahl wurde er unter geringer Wahlbeteiligung von Ratsiraka überholt. Für viele Madagassen war die Wahl eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera, und sie blieben den Wahllokalen fern. Ratsiraka und seine Partei AREMA (Association pour la Renaissance de Madagascar) wurde auch 1998 stärkste Fraktion, erreichte jedoch nicht die absolute Mehrheit.

Im Jahr 2001 wurde Marc Ravalomanana zum Präsident gewählt. Ratsiraka gab sich nicht sofort ergeben. Er erkannte das Ergebnis zunächst nicht an, stellte Milizen auf, rief die Abspaltung ihm treuer Landesteile aus und verhängte eine Wirtschaftsblokade über Antananarivo. Im Juli 2002 verließ Ratsiraka Madagaskar. Daraufhin beruhigte sich die Situation.

Ravalomanana wurde 2006 als Präsident Madagaskars bestätigt. Allerdings wuchs die Unzufriedenheit ihm gegenüber, denn bereits seine Vorgänger hatte der ursprüngliche Hoffnungsträger sich zu einem Alleinherrscher und korrupten Staatschef entwickelt.

Antananarivo Madagaskar Blick Mahmasina Stadion PRIORI ReisenIm Januar 2009 kam es in Antananarivo zu einem Aufmarsch gegen das Regime Ravalomanana, das Madagaskar in eine erneute schwere innenpolitische Krise geführt hatte. Mit dem „Daewoo-Deal“, welcher dem koreanischen Konzern mehr als 1 Million Hektar madagassisches Land überlassen wollte, brachte Ravalomanana das Fass für viele Madagassen zum Überlaufen. Der Protest fing friedlich an, wuchs jedoch schnell zu einer gewaltsamen Unruhe mit Plünderungen, Toten und Verletzten auf der ganzen Insel. Im März 2009 kam es zu einem gewaltsamen Machtwechsel. Der 35jährige ehemalige Bürgermeister Antananarivos und DJ, André Rajoelina, erklärte sich in Absprache mit  Militärvertretern als neuer Präsident einer Übergangsregierung. Ravalomanana ging daraufhin unter massivem Druck ins Exil nach Südafrika.
Die Übergangsregierung mit dem Oppositionsführer als Präsident regierte bis 2013 und wirtschaftete das Land weiter herunter.

Im Dezember 2013 wurde Hery Rajaonarimampianina – ehemaliger Finanzminister unter der Oppositionsregierung – zum neuen Präsidenten Madagaskars gewählt. Auch heute hat keine der staatlichen Institutionen die Macht und kaum den Willen, in ihrem Bereich wirklich durchzugreifen. Die soziale und ökologische Degradation nehmen zu.

Obwohl Madagaskar keine Flüchtlingsströme kennt, schafft es die fruchtbare Insel nicht, sich selbst zu ernähren. Neben städtischen Angestellten am Rand der Hungerzone und der ländlichen Bevölkerung, die kaum mehr als gerade überlebt finden sich in Madagaskar reiche Familien mit frankophilem Umgang, Profiteure und Geschäftemacher mit rüden Sitten und Indopakistaner, die sich ausserhalb ihrer Geschäftstätigkeit abschotten.

Madagaskar steht schlechter da als zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Sieben von zehn Madagassen leben 2014 unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Nimmt man die internationale Definition (2 US-Dollar pro Tag) als Grundlage, sind sogar 92 Prozent der Madagassen arm.

Die Madagassen wurden mit der Zeit politikverdrossen, das Vertrauen in die Politiker ist schon lange nicht mehr vorhanden. Ein tiefer Pessimismus und ein Gefühl von Machtlosigkeit durchzieht heute breite Bevölkerungsschichten. Oft bieten nur kirchliche Kreise ein Umfeld, in dem sich die Leute einigermassen entfalten können.

Gemeinschaftsgefühl und Korruption – Fihavanana

Straßenszene in Antananarivo, HolzkarrenFihavanana – Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und Harmonie.

Fihavanana ist eines der wichtigen Worte in Madagaskar. Es bezeichnet eine Regel des Zusammenlebens, die in Madagaskar die Basis der Gesellschaft ist.

Jeder, der zu Hab und Gut kommt muss dies unweigerlich mit den Angehörigen teilen.
Wer eine gute Arbeitsstellung und Einfluss hat muss Familienmitglieder und Freunde unterstützen – in Form einer ähnlichen Stellung, Bildung oder anderweitiger Vorteile.
Wer ein Stück Land besitzt muss seine Familie und Freunde beschäftigen und die Ernte teilen, oder überlässt Verwandten einen Teil des Feldes.

Das Prinzip zieht sich in Madagaskar durch alle sozialen Schichten und durch alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. So sind auch viele der madagassischen Unternehmen und Ministerien von einzelnen Familien und Personenkreisen vereinnahmt.

Für unsere westlichen Augen sieht dies nach Korruption aus und beinhaltet das Ausnützen von anderen. Für Madagassen ist es Zeichen der Verbundenheit und Tradition, die unweigerlich mit der Gesellschaft einhergeht.