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Madagaskar – Insel mit herausfordernder Geschichte

Madagaskars Geschichte ist lang und von vielen Ereignissen und Herausforderungen geprägt. Die Insel im Indischen Ozean ist voller ökologischer und kultureller Vielfalt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat. Gleichzeitig ist Madagaskar eines der ärmsten Länder der Welt. Der Politik mangelt es an Strukturierung und wirtschaftlich ist das Land schwach aufgestellt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der Versuch eines Überblicks:

Vor etwa 160 Millionen Jahren löste sich Madagaskar von Gondwanaland.
Rund 1500 Jahre ist es her, dass die Insel erstmals besiedelt wurde. Einwanderer aus Indonesien, Afrika und dem Nahen Osten folgten. So entstand ein Lebensraum mit vielseitigen kulturellen Einflüssen.
In allen Teilen Madagaskars fanden sich trotz der verschiedenen Einflüsse ähnliche Strukturen: Ein lokaler Häuptling beherrschte das Umfeld seines Dorfes, Ahnenverehrung hatte einen hohen Stellenwert und es gab eine gesellschaftliche Schichtung aus Noblen, Freien und Sklaven. Man ernährte sich fast ausschließlich von Reis – das Lebensmittel hatte bereits damals eine schon mythisch anmutende Bedeutung für die Menschen des Landes.

Familiengrab Madagaskar Hochland PRIORI ReisenObwohl Madagaskar sprachlich immer homogen war – beachtlich bei der vielschichtigen Besiedlung und der Größe des Landes – war es dennoch jahrhundertelang nicht geeint. Die Dörfer unter ihren Vorsehern führten ständige Kleinkriege untereinander. Es entstanden und verschwanden zahlreiche kleine Königreiche.
Um 1800 setzte sich in der zentralen Region um die heutige madagassische Hauptstadt Antananarivo der Merina-König Andiranampoinimerina durch. Sein Sohn Radama I baute seine Macht bis an die Ostküste, in den Westen und weit in den Süden aus. Auch die weiteren Thronerben – bis auf Radama II übrigens alles Frauen – dehnten das Merina-Königreich in verschiedenen Feldzügen auf rund 80% der Fläche Madagaskars aus.

1895 marschierten die Franzosen ein, Madagaskar wurde französische Kolonie.
Der erste Generalgouverneur der Franzosen, Laroche, hob die bis dahin praktizierte Sklaverei auf. Mit einem Mal war – je nach Schätzung – ein Drittel bis Dreiviertel der Bevölkerung frei. Laroches Nachfolger Galliéni baute Strassen, Eisenbahnlinien, Krankenhäuser und Schulen.
Madagaskar wurde zu einer wohlhabenden und sich selbst ernährenden Kolonie, die neben den Kolonialprodukten Pfeffer, Kaffee, Vanille und Nelken auch Reis sowie Bodenschätze wie Graphit exportierte. Zu den Schattenseiten der Entwicklung zählen die völlige Ausrichtung des Schulsystems auf Frankreich, die äußerst begrenzten politischen Rechte und unzureichende Zugang zu administrativen Posten für die Madagassen und einige brutal niedergeschlagenen Aufstände durch die Franzosen, wie 1947. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg setzten sich Nationalisten für mehr Eigenbestimmung Madagaskars ein.

Am 26. Juni 1960 wurde Madagaskar nach 64 Jahren als französische Kolonie ein unabhängiger Staat unter dem ersten Präsidenten Philibert Tsiranana.
Dieser führte eine franzosenfreundliche Politik. Madagaskar übernahm die intakte Infrastruktur, ausgebildete Leute und eine funktionierende Wirtschaft aus der Kolonialzeit. Die Franzosen blieben als Berater und Verwalter im Land.
Mit der Zeit geriet das Bild ins Wanken. Die franzosen-ausgerichtete Führung Tsirananas wurde mehr und mehr zum Kritikpunkt, ebenso wie die Besetzung der meisten Regierungsposten mit ausschließlich engen Parteianhängern.

 Stadt Antananarivo Madagaskar Kirche Kolonialhäuser PRIORI ReisenNach Studentenprotesten im Jahr 1972 und jahrelangen Fraktionskämpfen innerhalb der Armee wurde 1975 Didier Ratsiraka zum Präsident.
Ratsiraka schlug eine Kehrtwende ein: Er ließ die Madagassen seine ‚Charta der sozialistischen Revolution‘ absegnen. Er verstaatlichte er einen großen Teil der Betriebe und richtete seine Politik in Richtung UdSSR und später Nordkorea. Er verließ die französische CFA-Währungsunion und verwies die französischen Berater außer Landes. Kostspielige Großprojekte sollten Madagaskar unter Ratsiraka zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit führen, allerdings funktionierten die meisten der Staatsbetriebe nicht oder waren kurz vor der Pleite. Gleichzeitig bereicherte Ratsiraka sich und seine Anhänger auf schamlose Weise. Madagaskar verarmte unter seiner Führung jährlich mehr, die Außenverschuldung erhöhte sich von 1978 bis 1980 um das Vierfache.

1982 war Madagaskar bankrott.
Das Land musste Reis importieren und sogar die Bauern hatten nicht genug zu Essen. Das Schulsystem wurde korrumpiert, was zu einem enormen Anstieg der Analphabeten-Rate führte. Das eigentlich kostenlose Gesundheitswesen war quasi nicht mehr vorhanden. Madagaskar wurde zu einem der zehn ärmsten Länder der Welt.
Mehrere Aufstände in Antananarivo und im Süden wurden blutig niedergeschlagen. Die Presse des Landes wurde generell zensiert. International erhoben die Bischofskonferenz und Amnesty International schwere Vorwürfe gegen das Regime.

Anfang der 1990er Jahre fühlte sich ein Großteil der Madagassen aussichtslos. Die Revolution war erfolglos geblieben und als guter Taktiker schaffte es Ratsiraka immer wieder, die oppositionellen Kräfte für sich einzubinden, indem er sie mit Posten und Ämtern lockte. Als Ratsiraka schließlich anfing, einen gemässigteren Ton anzuschlagen, die Wirtschaft einen kleinen Anflug von Aufschwung verbuchte, und ein kleiner Funke Hoffnung aufblitzte, dass der Präsident zukünftig mehr auf das Wohl des Landes schauen würde, gerade dann schlug das Pendel um. Ratsiraka wurde 1991 in einem siebenmonatigen Streik aus dem Amt geworfen. Er wehrte sich, indem er auf die unbewaffneten Streikenden schießen ließ.

Während dieser unruhigen Zeit war der Medizinprofessor Albert Zafy an die Spitze des Politikbetriebs gelangt. Er wurde im Februar 1993 in einer Stichwahl gegen Ratsiraka vom Volk demokratisch gewählt. Doch auch Zafy schaffte es nicht, Madagaskar zu Frieden und Aufschwung zu führen. Die bis dato vornehmlich in den Chef-Etagen umgehende Korruption griff von nun an auf alle Lebensbereiche über. Auch Zafy und sein politisches Umfeld verstrickten sich in unseriöse Geschäfte und Affären. Die Sicherheit in den Städten – aber auch auf dem Land – nahm drastisch ab. Die ökonomische Entwicklung siechte weiter dahin, auch wenn Hilfeleistungen aus dem Ausland kamen.  Die Madagassen – zum Großteil Bauern – taten, was sie in diesen Fällen immer tun: sie zogen sich zurück in die Substistenzwirtschaft.

1996 wurde Zafy abgesetzt. Ihm wurde Verfassungsmissbrauch vorgeworfen. Bei der folgenden Präsidentschaftswahl wurde er unter geringer Wahlbeteiligung von Ratsiraka überholt. Für viele Madagassen war die Wahl eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera, und sie blieben den Wahllokalen fern. Ratsiraka und seine Partei AREMA (Association pour la Renaissance de Madagascar) wurde auch 1998 stärkste Fraktion, erreichte jedoch nicht die absolute Mehrheit.

Im Jahr 2001 wurde Marc Ravalomanana zum Präsident gewählt. Ratsiraka gab sich nicht sofort ergeben. Er erkannte das Ergebnis zunächst nicht an, stellte Milizen auf, rief die Abspaltung ihm treuer Landesteile aus und verhängte eine Wirtschaftsblokade über Antananarivo. Im Juli 2002 verließ Ratsiraka Madagaskar. Daraufhin beruhigte sich die Situation.

Ravalomanana wurde 2006 als Präsident Madagaskars bestätigt. Allerdings wuchs die Unzufriedenheit ihm gegenüber, denn bereits seine Vorgänger hatte der ursprüngliche Hoffnungsträger sich zu einem Alleinherrscher und korrupten Staatschef entwickelt.

Antananarivo Madagaskar Blick Mahmasina Stadion PRIORI ReisenIm Januar 2009 kam es in Antananarivo zu einem Aufmarsch gegen das Regime Ravalomanana, das Madagaskar in eine erneute schwere innenpolitische Krise geführt hatte. Mit dem „Daewoo-Deal“, welcher dem koreanischen Konzern mehr als 1 Million Hektar madagassisches Land überlassen wollte, brachte Ravalomanana das Fass für viele Madagassen zum Überlaufen. Der Protest fing friedlich an, wuchs jedoch schnell zu einer gewaltsamen Unruhe mit Plünderungen, Toten und Verletzten auf der ganzen Insel. Im März 2009 kam es zu einem gewaltsamen Machtwechsel. Der 35jährige ehemalige Bürgermeister Antananarivos und DJ, André Rajoelina, erklärte sich in Absprache mit  Militärvertretern als neuer Präsident einer Übergangsregierung. Ravalomanana ging daraufhin unter massivem Druck ins Exil nach Südafrika.
Die Übergangsregierung mit dem Oppositionsführer als Präsident regierte bis 2013 und wirtschaftete das Land weiter herunter.

Im Dezember 2013 wurde Hery Rajaonarimampianina – ehemaliger Finanzminister unter der Oppositionsregierung – zum neuen Präsidenten Madagaskars gewählt. Auch heute hat keine der staatlichen Institutionen die Macht und kaum den Willen, in ihrem Bereich wirklich durchzugreifen. Die soziale und ökologische Degradation nehmen zu.

Obwohl Madagaskar keine Flüchtlingsströme kennt, schafft es die fruchtbare Insel nicht, sich selbst zu ernähren. Neben städtischen Angestellten am Rand der Hungerzone und der ländlichen Bevölkerung, die kaum mehr als gerade überlebt finden sich in Madagaskar reiche Familien mit frankophilem Umgang, Profiteure und Geschäftemacher mit rüden Sitten und Indopakistaner, die sich ausserhalb ihrer Geschäftstätigkeit abschotten.

Madagaskar steht schlechter da als zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Sieben von zehn Madagassen leben 2014 unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Nimmt man die internationale Definition (2 US-Dollar pro Tag) als Grundlage, sind sogar 92 Prozent der Madagassen arm.

Die Madagassen wurden mit der Zeit politikverdrossen, das Vertrauen in die Politiker ist schon lange nicht mehr vorhanden. Ein tiefer Pessimismus und ein Gefühl von Machtlosigkeit durchzieht heute breite Bevölkerungsschichten. Oft bieten nur kirchliche Kreise ein Umfeld, in dem sich die Leute einigermassen entfalten können.

Pirateninsel Madagaskar

In Madagaskar und im Indischen Ozean tummelten sich vor etwa 300 Jahren zahlreiche Piraten.

Vor allem an der Ostküste Madagaskars siedelten sich viele Piraten an, denn vor dieser verlief eine viel frequentierte Handelsroute. Schiffs-Flotten aus Europa transportierten Gewürze wie Pfeffer, Nelken, Ingwer und Muskat aus Indonesien, sowie Zimt und Reis aus dem damaligen Ceylon. Auch Gold, Kupfer und Edelsteine sowie Tücher wurden über den Indischen Ozean nach Europa gebracht und waren lukrative Ziele für Überfälle.

Gleichzeitig ist das Meer vor der zum Wind gerichteten Ostseite der Großen Insel stürmisch und rau und verursachte häufig Schiffsbrüche. Mit ihren vielen Buchten und kleinen Orten bot sie gleichzeitig zahlreiche Verstecke, und in der üppigen, feuchten Umgebung fand sich genug Nahrung sowie Holz, um die Piraten-Schiffe zu unterhalten und zu reparieren.

Ein Felsen mit dem Baum des Reisenden mit Blick auf einen Strand auf der Insel Sainte Marie im Nordosten Madagaskars

Pirateninsel Sainte Marie, Madagaskar

Besonders zwischen in den Orten Tamatave und Antongil sowie auf der vorgelagerten Insel Sainte Marie  (Nosy Boraha), hielten sich die Freibeuter sehr gerne auf. Diese Insel übrigens bis heute von vielen Madagassen Pirateninsel genannt und Interessierte können einen Piratenfriedof besichtigen.

Piratennester fanden sich auch weiter im Norden Madagaskars, in Antalaha, Vohemar und Diego Suarez. Die Bucht von Diego Suarez bot ein gutes Versteck vor feindlichen Schiffen, und hier soll auch die sagenumwobene Piratenrepublik Libertalia angesiedelt gewesen sein.

An der zum Kanal von Mosambik gewandten Westküste Madagaskars hielten sich dagegen weniger Seeräuber auf. Nur an wenigen Orte, wie in Massily im Nordwesten und Saint-Augustin im Südwesten siedelten sie.

Seeräuber hatten sich von der Gesellschaft abgesondert. Sie waren Gesetzeslose ohne Heimat, viele lebten in einer Art Anarchie mit Ihresgleichen. Innerhalb dieser Freibeuter-Sippe galten jedoch strenge Regeln und hohe Werte: Diebstahl untereinander war verpöhnt und in Kämfen stand man sich bei bis zum Ende. Die Beute wurde gerecht aufgeteilt und jeder Pirat konnte seinen Anteil nach eigenem Ermessen einsetzen, verkaufen oder sparen. Wurden Lebensmittel erbeutet, so wurden mit diesen ausufernde Feste gefeiert. Zu den bekannteren Freibeutern im Indischen Ozean gehörten unter anderem Thomas White oder Nathaniel North.

Die Piraterie in Madagaskar begann 1685 zu florieren und hielt etwa 40 Jahre an. Danach ebbten die Aktivitäten dort ab und die Seeräuberei zerfiel bis Mitte des 18. Jahrhunderts kontinuierlich. Viele der Piraten ließen sich anschließend entlang der Küste nieder, gründeten dort Familien mit Madagassinnen und lebten von Landwirtschaft und Handel – und hin- und wieder auch von der Ausbeutung benachbarter Orten. Die Nachkommen dieser in Madagaskar sesshaft gewordenen Freibeuter und ihren einheimischen Frauen nennt man Malata.

Wieviele Piraten sich wirklich in Madagaskar aufhielten ist nicht bekannt. Die Schätzungen liegen zwischen 400 bis zu 1550 Mann. Auch ob es die Republik Libertalia wirklich gegeben hat ist bis heute ungewiss.

Wer mehr über die Piraten in Madagaskar und ihr Leben erfahren möchte ist bei PRIORI richtig:

Das Geheimnis der Insel Nosy Lava

Madagaskar steht für Lemuren, Chamäleons und Reptilien sowie unzählige endemische Tier- und Pflanzenarten, für Reis und für rote Erde. Doch die Insel Madagaskar ist mehr.

Mit einer Tour auf die Insel Nosy Lava vor der Nordwestküste im Kanal von Mosambik können Reisende tiefe Einblicke in einen bis heute lebendigen Teil der madagassischen Geschichte erhalten.

Anfahrt mit dem Boot von Analalava nach Nosy Lava mit Blick auf türkisblaues Wasser und weiße Strände vor karger Landschaft.

Die Anfahrt von Analalava zur Insel Nosy Lava – türkisblaues Wasser und weiße Sanstrände.

25 Kilometer sind es vom madagassischen Festland zur Insel Nosy Lava, die in der Bucht von Narida (Baie de Narida) nördlich von Mahajanga liegt. Die Insel ist acht Kilometer lang und sechs Kilometer breit und gilt als fast unbewohnt.

Auf den ersten Blick sieht das Eiland tropisch schön aus, wie es vor der Küste liegt. Weißer Kalkstein und savannenartige karge Landschaft, umgeben von türkisfarbenem Wasser und ein weiter Sandstrand prägen das Bild. Nosy Lava ist eine von mehreren Inseln, die hier kurz vor dem Festland im Kanal von Mosambik liegen. Die Gegend ist beliebt für Segeltouren entlang Madagaskars Küste.

Die „Langen Insel“, wie Nosy Lava übersetzt heißt, hat jedoch eine Besonderheit. Eine tragische Besonderheit, die aus der Kolonialzeit rührt und die bis heute nicht wirklich an die Bevölkerung oder Reisende herangetragen wird.

Nosy Lava war ein Straflager. Von 1911 bis 2000 wurde die Insel als Standort für ein Hochsicherheits-Gefängnis mit bis zu 700 Inhaftierten genutzt.

Das Gefängnis wurde 1911 von der Französischen Kolonie in Betrieb genommen und diente als Straflager für politische Rebellen und Widerstandskämpfer gegen die Kolonialmacht. Die meisten Inhaftierten waren zu lebenslanger Haft oder zur Todesstrafe verurteilt.

Im Jahr 1960 wurde Madagaskars Unabhängigkeit ausgerufen. Dennoch wurden die Inhaftierungen auf Nosy Lava fortgeführt.

Ruinen des ehemaligen Gefängnisses auf der Insel Nosy Lava im Nordwesten Madagaskars. Copyright PRIORI Reisen.

Ehemaliges Gefängnis auf der Insel Nosy Lava im Nordwesten Madagaskars.

Auch nach der Demontage des sozialistischen Regimes in den 1980er Jahren führte nicht zur Schließung des Gefängnisses. Noch immer saßen dort Häftlinge, deren Verurteilung auf die französische Verwaltung von vor 1960 zurückging. Und die Einrichtung erhielt weiter Häftlinge – trotz fehlender Finanzierung und fehlender Wartung der Räumlichkeiten. Die Verwaltung konnte es sich mit der Zeit nicht mehr leisten, die Gefangenen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dies führte zu einer absurden Handhabung:

Die als weniger gefährlich eingestuften Inhaftierten wurden in Halbfreiheit auf der Insel gehalten: Sie hatten tagsüber freien Auslauf auf der Insel, damit sie etwas zu essen finden und selbst ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Einige gingen fischen und verkauften den Fang an die Dorfbewohner am anderen Ende der Insel, andere bauten Maniok an oder brannten Toka gasy, den lokalen Rum. Auf der Insel entstand so ein Tauschhandel. Manche Häftlinge wurden auch ohne Gegenleistung von den Inselbewohnern versorgt und als Mitbürger angesehen.

Im Laufe der Zeit wurde das Gefängnis und die Gefangenen von Nosy Lava vergessen. Es gab Gefangene, die ihre Strafe längst abgebüßt hatten, aber dennoch mangels Alternative auf der Insel blieben.

Es finden sich nur wenige Informationen und Dokumente über das Gefängnis auf Nosy Lava.

Unklar ist zum Beispiel, anhand welcher Kriterien dieser Ort ausgewählt wurde, ebenso wie die genaue Anzahl der Inhaftierten, oder die Gründe für deren Verurteilung.

Ruinen auf Nosy Lava zwischen Gebüsch und Palmen.

Auf dem weitläufigen Gefängnis-Gelände auf Nosy Lava stehen zahllose Ruinen.

Der madagassische Journalist Rivoherizo Andriakoto hat in seiner Reportage mit dem Titel „Die Verdammten dieser Erde“ (im Original „Les Damnés de la Terre“) Informationen zur Strafanstalt auf der Insel vor und nach 1960 dokumentiert. Sie erschien im Jahr 1998 und wurde kurz darauf als gleichnamige Dokumentation verfilmt.
Der Film erhielt den französischen Albert Londres-Preis im Jahr 2000 und wurde daraufhin im Madagassischen Nationalfernsehen und auch in weiteren Ländern ausgestrahlt. Dies hatte einen solchen Einfluss, dass der damalige Präsident Madagaskars, Didier Ratsiraka, gezwungen wurde, alle Verurteilten, die noch auf der Insel gehalten wurden, freizulassen. Darunter waren viele eigentlich längst begnadigte Rebellen und Gefangene, wie u.a. Zebudiebe, die mehr als die zehnfache Zeit ihrer Verurteilung dort abgesessen hatten.

Das Gefängnis wurde offiziell im Jahr 2000 geschlossen. Noch heute leben vier ehemalige Gefangene auf der Insel oder in Analalava.

Sie arbeiten als Fischer, Wächter oder auch Guides für Besichtigungen auf Nosy Lava.
Seit Jahren versuchen sie, gemeinsam mit dem ehemaligen Gafängnis-Leiter von Analalava, ihre Anträge auf Begnadigung beim Präsidenten der Republik durchzubekommen.

Das weite Gelände des ehemaligen Gefängnisses reicht fast bis an den Strand. Die Ruinen dienen als Unterstand für Fischer. Der Anblick der Zellentüren, der hohen Mauern und des Verwaltungsgebäudes lassen die Geschichte lebendig werden. Mit den stark verwitterten Bauwerken, eingewachsenen Lianen, Sträuchern und schönen Perspektiven durch Fenster- und Türfronten finden Interessierte zahlreiche surreale Fotomotive.

Anreise:
Als Ausgangspunkt für Tagestouren auf die Lange Insel, eignet sich der Fischerort Analalava. Er liegt etwa 60 Kilometer westlich von Antsohihy auf der Hauptroute RN6 und ist per Boot oder – in der Trockenzeit – über die Piste RN31 zu erreichen.

PRIORI bietet individuelle Touren nach Analalava und Nosy Lava an. Mit PRIORI können Sie auch einen der ehemals Gefangenen treffen. Nehmen Sie Kontakt zu uns auf!